Active Beauty
Interview mit Astronautin Carmen Possnig
Text:
Lesedauer: min
Vorbild

Interview mit Astronautin Carmen Possnig

„Im All forschen wir auch über Alzheimer“, sagt Carmen Possnig, Ärztin und Weltraumwissenschaftlerin. Sie will höher hinaus als jede Österreicherin zuvor. Ihr Traumziel: der Mars. Ihre Motivation: Erkenntnisse, die uns auf der Erde weiterhelfen.

Zwischen Medizin & Raumforschung

Carmen Possnig wurde 1988 in Klagenfurt geboren. Nach dem Studium der Allgemeinmedizin arbeitete sie von 2014 bis 2017 als Assistenzärztin in Wien. Anschließend verbrachte sie 13 Monate als Forschungsärztin der ESA in der Concordia-Station in der Antarktis. Über ihren Aufenthalt am Südpol schrieb Carmen Possnig das Buch „Südlich vom Ende der Welt“. Im November 2022 wurde sie Mitglied der Astronautenreserve der ESA und hat gute Chancen, die erste Österreicherin im All zu werden – nach dem Wissenschaftskosmonauten Franz Viehböck, der sich 1991 sechs Tage lang in der russischen Raumstation MIR aufhielt. Derzeit erforscht Possnig im Fachbereich Raumfahrtphysiologie am Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck, wie der menschliche Körper auf lange Liegezeiten oder Schwerelosigkeit reagiert. Zudem ist sie als Wissenschaftlerin am Institut für Weltraummedizin und -physiologie (MEDES) in Toulouse beschäftigt. Für ihre Forschungen erhielt sie das Amelia-Earhart-Fellowship des Frauenclubs ZONTA.

Am liebsten würde sie zum Mars fliegen, aber auf jeden Fall hat sie gute Chancen, die erste österreichische Frau im All zu werden. Seit Ende 2022 ist Carmen Possnig Ersatzastronautin im 17-köpfigen Team der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), dessen Trainings für die Flüge zur Internationalen Raumstation (ISS) jetzt im Frühjahr starten. Possnig ist Allgemeinmedizinerin und Forschungsärztin der ESA. Die 36-Jährige kennt sich mit extremen Situationen aus, so verbrachte sie schon 13 Monate in Kälte, Dunkelheit und Isolation auf der Concordia-Forschungsstation in der Antarktis. Hier erzählt sie von ihren Abenteuern, erklärt, warum Teamwork so wichtig ist – und wie die Menschen auf der Erde von der Arbeit im Weltraum profitieren können.

Astronautin soll ein Kindheitstraum von Ihnen gewesen sein …

Unsere Volksschullehrerin fragte, was wir werden möchten, und ich habe spontan „Astronautin“ geantwortet. Dann habe ich überlegt: Wieso habe ich das jetzt gesagt? Das ist ja ein toller Traum! Als Jugendliche begann ich dann, mich für Entdeckungsreisende zu interessieren: die ersten Antarktisreisenden wie zum Beispiel Robert Falcon Scott, den Forscher Alexander von Humboldt oder Amelia Mary Earhart, die als erste Pilotin Ozeane überflogen hat. Mich fasziniert die Kombination aus Abenteuerlust, Entdeckergeist und Wissenschaft.

Aber Sie haben sich dann trotzdem entschieden, Medizin zu studieren, das ist ja nicht der direkte Weg zur Astronautin ...

Astronautin kann man nicht studieren, es gibt viele Wege dorthin. Bevor ich mich für Allgemeinmedizin inskribiert habe, schaute ich auf der ESA-Homepage nach, ob es schon jemals eine Ärztin oder einen Arzt im Team gegeben hatte. Und tatsächlich gab es jemanden. Das hat mich beruhigt: Zumindest würde ich mir mit dem Medizinstudium meinen Traum nicht verbauen.

Warum will man als Ärztin überhaupt zum Mond oder Mars fliegen? Gibt es nicht genug Probleme auf der Erde?

Es geht nicht nur um den Flug zum Mars, sondern auch um Fortschritte auf der Erde. Etwa um neue Medikamente oder Impfungen, es wird die Wirksamkeit von Mitteln getestet, ohne dass Tierversuche gemacht werden müssen. Aktuell steht auch Alzheimer im Fokus: Bei dieser Erkrankung bilden sich Eiweißkristalle im Gehirn, die nicht abtransportiert werden. Wenn man solche Kristalle in einem Labor auf der Erde züchtet, sind sie instabil, zerfallen sehr leicht wieder. In der Schwerelosigkeit werden sie viel größer und widerstandsfähiger. Man kann Medikamente ausprobieren, die diese Kristalle abtransportieren sollen.

Gibt es noch andere Gebiete als die Medizin?

Wir perfektionieren auch die Kreislaufwirtschaft. Eine Mars-Mission würde drei Jahre dauern, Wasser, Sauerstoff, Medikamente und Nahrung müssten so lange ausreichen. Also geht es darum, unter anderem Wasser effizient zu recyceln. Das System, das auf der Internationalen Raumstation ISS läuft, verwertet bereits 90 Prozent des Wassers wieder. Das wird inzwischen in kleinen Oasenstädtchen in Marokko und Algerien angewendet. Ein Kollege versucht zum Beispiel auch, mit Algen und Bakterien Nahrung und Sauerstoff herzustellen. Das sind alles Techniken für das Leben auf der Erde.

Mehr als 22.000 Menschen haben sich 2021 für den Job beworben. Wie wird ausgewählt?

Das Auswahlverfahren hat eineinhalb Jahre gedauert, bei jedem Schritt wurden die Kandidatinnen und Kandidaten reduziert, bis am Ende nur noch 17 übrig blieben. Als Europäerin muss man sich ja bei der ESA, der europäischen Raumfahrtorganisation, bewerben. Es gibt sehr selten Auswahlverfahren, zuletzt 2008 und dann eben 2021.

Welche Fähigkeiten sind gefragt?

Der erste Schritt des Auswahlverfahrens hat sich um kognitive Fähigkeiten gedreht: schnelles, logisches Denken, Mathematik und Physik. Wichtig ist, in allem ähnlich gut zu sein. Wenn jemand in Mathematik 100 Punkte hätte, aber dafür in Englisch null, würde das nicht helfen.

Also ein möglichst breit gefächertes Wissen?

Genau. Dazu ist die Fähigkeit zum Teamwork ganz essenziell. Die wird im zweiten Schritt geprüft. Wir mussten zum Beispiel zu viert die Aufgabe lösen, fiktive Leute aus verschiedenen Dörfern in einer bestimmten Zeit pünktlich zu einem Fußballspiel zu bringen. Was wir nicht wussten: Die Aufgabe war so konstruiert, dass es keine Lösung gab. Irgendwann merkten wir: Wir schaffen es nicht. Die Prüfer beobachteten, wie jeder Einzelne mit einer solchen Situation umgeht und wer auch unter Stress respektvoll und freundlich bleibt im Team.


Fürs All werden also nette Menschen gesucht?

Zu Beginn der Raumfahrt hat man ja eher diesen Pilotentypen à la Tom Cruise in „Top Gun“ favorisiert, einer, der mit Sonnenbrille in eine Rakete steigt, sich zum Mond schießen lässt, auch wenn er nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zurückkommt. Inzwischen bevorzugt man Menschen, die gerne sechs Monate lang mit neun anderen eng zusammenleben und trotzdem mit einem hohen Arbeitspensum produktiv sein können.

Und medizinisch wurden Sie wahrscheinlich ausführlich getestet?

Ich wurde von Kopf bis Fuß untersucht. Einerseits natürlich, weil Schwerelosigkeit körperlich sehr anstrengend ist. Und andererseits, weil es Weltraum-Erkrankungen gibt, für die wir ein möglichst geringes Risiko haben sollten. Manche Astronauten werden mit der Zeit im All weitsichtig. Aus noch ungeklärter Ursache schwillt ihr Sehnerv an, und man weiß nicht: Stoppt das irgendwann? Oder erblinden die Personen auf dem Weg zum Mars? Also haben sie unsere Augen genau vermessen. Und wenn jemand einen Sehnerv hatte, der dicker war als der Durchschnitt, war das schon ein Ausschlusskriterium.

Jetzt beginnt das Training für Reserve-Astronauten. Was passiert denn da?

Es findet in Köln im Europäischen Astronautenzentrum der ESA statt. Unser Training ist in drei verschiedene Teile aufgeteilt, jeweils zwei Monate. Im ersten Teil bekommen wir eine Einführung in das Astronautenleben, menschliches Verhalten, Psychologie, Biologie. Und ich freue mich auf die Tauchgänge. Da ist so ein riesiges Schwimmbad, in dem das europäische Modul der Raumstation versenkt ist, das Columbus-Modul. Wir trainieren im Pool, weil Tauchen der Schwerelosigkeit ähnelt. So kann man für Weltraumspaziergänge üben, um zum Beispiel etwas an der Station zu reparieren oder Neues zu installieren. Im Weltall können wir die Handgriffe auswendig. Wir lernen natürlich auch: Wie komme ich wieder zurück, wenn ich ein Problem habe?

2017/18 haben Sie 13 Monate auf der Concordia-Station in der Antarktis verbracht. War das auch als Übung für künftige Einsätze im All gedacht?

Ich war als Forschungsärztin im Team, führte die Experimente an meinen Kollegen durch. Themen: Sauerstoffmangel und Isolation. Ich konnte dort Medizin und Weltraumforschung verbinden.

Lesetipp
: In diesem Interview mit Univ.-Prof.in Dr. Alexandra Kautzky-Willer spricht sie über Gendermedizin: Deshalb brauchen Frauen andere Medizin.

Wie war es in der Antarktis?

Die Station ist gut 1.000 Kilometer von der Küste entfernt und im Winter völlig abgeschnitten von der Außenwelt, man könnte nicht ausgeflogen werden, hat kein Handy und nur wenig Internet. Die kleine Crew muss wirklich mit allem selbst fertig werden, was auf sie zukommt. Die Station liegt auf 3.300 Meter Höhe, das ist äquivalent zu 4.000 Metern bei uns. Der Sauerstoffmangel ist anstrengend. Zudem ist es am Südpol lange permanent dunkel. Man kann im Juni um zwölf Uhr mittags vor die Tür gehen und sieht die Milchstraße. Mir hat das gut gefallen, weil dieser Sternenhimmel so wunderschön war. Das Mond- oder Sternenlicht spiegelt sich im Schnee, man braucht keine Taschenlampe, um den Weg zu finden, alles leuchtet lila.

Man sieht nie die Sonne?

Vier Monate gar nicht, es ist ein irrsinnig emotionaler Moment, wenn sie dann Mitte August zum ersten Mal ganz kurz über den Horizont scheint. In der Station waren wir da alle draußen. 13 Menschen standen in der weißen Landschaft und blickten in völliger Stille in die gleiche Richtung. Und dann ging die Sonne auf, wir starrten sie an – und schon ging sie wieder unter.

Kälte, Isolation, Dunkelheit, Enge – wie hält man da durch?

Es hilft, wenn man eine sehr starke Motivation hat. Geld ist keine gute. Wir hatten jemanden, der sich gedacht hatte, über das Jahr verdient er relativ viel und seine Pension steigt. Er hatte eine schwere Zeit. Für mich war die Arbeit das Wichtigste, ich trug meinen Teil zur Weltraumforschung bei. Hinzu kam das Gefühl, etwas ganz Außergewöhnliches zu erleben.

Lesetipp: Lesen Sie auch dieses Interview mit Motivationscoach Gela Allmann.

Gab es etwas, das für Sie besonders schwierig war auf der Station?

Leider war die Geschlechterverteilung nicht gut gelöst. Es waren elf Männer und nur zwei Frauen. Das führte zu Konflikten, zu Eifersüchteleien unter den Männern. Als Frau stand man sehr unter Beobachtung, ob man vielleicht jemanden bevorzugt behandelt: Redet sie länger mit dem als mit mir? Hat sie ein Problem mit mir? Das fand ich schwierig. Mit der Zeit wurde es aber besser. Irgendwann in der Mitte des Winters wurden wir ein Team, das alles gemeinsam durchsteht.

Sie sind Ersatzastronautin. Wie hoch sind die Chancen, dass Sie überhaupt ins All fliegen?

Die Chancen stehen ganz gut, denn es gibt mittlerweile viele zusätzliche Flüge für die Wissenschaft zur ISS. Mein schwedischer Kollege kam 2024 dran und ein polnischer Kollege wird jetzt bald fliegen.

Dann dürfen wir für dieses Jahr schon mal guten Flug wünschen?

Dass es ganz so schnell klappt, glaube ich nicht. Aber ich habe Geduld.

x
Leider haben wir keine Ergebnisse für Ihre Suche gefunden. Bitte versuchen Sie es mit anderen Suchbegriffen.